Standardeinstellung.

Sagt der auch mal was? Danke oder Bitte wären mal nicht schlecht! Ihr Kind ist aber schlecht erzogen! Sie müssen nicht immer für ihr Kind reden? Na wenn du nicht antwortest, bekommst du keine Süßigkeit.

Rückblick. Vor ein paar Jahren stehe ich mit meinem Sohn an der Kasse eines Drogeriemarktes, die Kassiererin bot meinem Sohn einen Traubenzucker an. Mein Sohn schaute weg, was bei selektivem Mutismus oft vorkommt. Er möchte den Traubenzucker, aber er kann nicht antworten. Die Kassiererin wird ungeduldig und zieht ihr Traubenzucker mit den Worten „Na wenn du nicht antwortest, gibt es auch nix!“ zurück. Ich war sauer, sehr, und konnte auch nicht wirklich darauf antworten. Ich schnappte mein Kind und ging. Wenn ich die Geschichte im Nachhinein jemandem erzählte, bekam ich oft als Antwort „Naja, sie wußte es ja nicht besser. Du musst Verständnis haben und es ihr erklären!“

Ich muss Verständnis haben. Ich muss es erklären. Oke.

Nö, dachte ich. Warum muss ich wildfremden Menschen alles erklären und dazu noch meine Lebensgeschichte an öffentlichen Orten erzählen, um Verständnis zu bekommen? Und warum muss mein Kind eigentlich immer perfekt funktionieren, nur weil es das gesellschaftliche Umfeld erwartet?

Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht allen Menschen, nur damit sie verstehen, die Geschichte meines Kindes oder mir erzählen. Ich möchte mich nicht an der Supermarktkasse hinstellen und die Krankenakte meines Sohnes zitieren, nur damit sich andere Menschen positiver benehmen und mein Kind nicht als schlecht erzogen darstellen, weil er nicht bitte oder danke sagen kann. Ich möchte fremden Menschen nicht erklären müssen, dass Kommunikation nicht nur verbal stattfindet.

Und überhaupt, ich hätte auch gern für so vieles Verständnis. Zum Beispiel, dass es mich nervt wenn Menschen glotzen oder wenn sie mich im Bus einfach über meinen Sohn hinweg über ihn ausfragen, dass Menschen sich ungefragt zB in die Erziehung einmischen, weil ich mit meinem „armen behinderten Kind“ ja nicht streng sein sollte. Dass man uns nicht angafft oder nachglotzt, und und und….

Eine ganze Zeit lang versuchte ich vieles zu ignorieren, was leider nicht immer hilft. Manchmal, auch wenn ich mich unbeliebt mache, muss ich mich auch mit fester und lauter Stimme gegen Menschen durchsetzen, vorallem wenn es um die Gesundheit meines Sohnes geht (zb die störrische ältere Frau, die partout nicht vom Geländer der Treppe der Ubahnstation weggehen wollte und mein Kind fast wegschubste).

Irgendwann fängt man auch auch an, an sich selbst zu zweifeln. Soll ich immer was sagen? Soll ich netter reagieren? Soll ich lauter werden? Muss ich immer kämpfen? Ich habe oft an mir gezweifelt und viel gegrübelt. Aber heute glaube ich, die beste Lösung gegen Unverständnis und Sturrheit anderer Leute, ist tatsächlich Humor.

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In den letzten Jahren, und vorallem auf twitter, hat es mir sehr geholfen, die Behinderungen meines Sohnes humorvoll zu betrachten. Vorallem aber auch, weil ich dieses sich selbst immer als Opfer darstellen auch bei anderen als unfassbar unattraktiv empfinde. Ich will nicht immer jammern und ich will mir nicht dauernd Menschen antun, die mir etwas vorjammern. Jammern ist ok und auch mal wichtig, aber nicht als Standardeinstellung.

Die meisten Menschen sind erstmal perplex, wenn man ihnen einen lockeren und liebevoll lustigen Spruch entgegen wirft. Einige fangen den Ball auf, andere verpassen den Wurf. Das ist ok. Man wird es nie allen recht machen können, aber am Ende geht es eben auch um das Gefühl, was man selbst hat. Geh ich mit Wut nach Hause, oder eben mit einem Lächeln?

Den Traubenzucker kauft sich mein Sohn heute mit zehn Jahren selbst, ohne was zu sagen, aber mit einem Grinsen im Gesicht, weil er das Geld für die Bonbons mit Centstücken genau abgezählt hat.

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4 Gedanken zu „Standardeinstellung.

  1. Naja, der Verkäuferin würde ich das wirklich nicht übel nehmen. Sie ist auch nur ein mensch und Mutismus kann man niemandem ansehen. Ich würde einfach mit „In solchen Situationen fällt es ihm schwer, zu sprechen, was seine gründe hat.“ sagen. Aber auf mögliche blöde Sprüche nicht reagieren. Das wäre dann einfach eine sachliche Erklärung der Lage, das ist nie verkehrt.

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  2. Als blinde Mutter musste ich oft erleben, dass Erwachsene mit meinen Kindern über mich hinweg Sprachen. Noch schlimmer aber war das starren. Daher war ich richtig stolz auf meine Tochter, als sie einmal zurückschaut und sagte: das ist nicht ansteckend, die ist nur blind.

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  3. „Warum muss ich wildfremden Menschen alles erklären und dazu noch meine Lebensgeschichte an öffentlichen Orten erzählen, um Verständnis zu bekommen?“
    Genau deswegen: Damit sie es verstehen. Du kannst nicht von anderen Menschen erwarten, dass sie deinem Kind den Mutismus ansehen. (Und, mal ehrlich, das würdest du auch nicht wollen).

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    • Vielleicht sollten fremde Menschen mal verstehen, dass sie nicht einfach zu urteilen haben. Ich bin doch nicht verpflichtet, jedem Menschen privates zu erzählen. Ich möchte normal einkaufen oder mit meinem Kind rausgehen ohne mich jedes Mal erklären zu müssen. Weißt du, wie sich das als Mutter und für ein Kind kurz vor der Pubertät anfühlt, sich immer erklären zu müssen?

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