Bist du behindert, du Spast?

Ich weiß noch wie ich im neuen Büro anfing und eine Kollegin plötzlich „Der ist so behindert!“ Richtung Radio sagte.

Ach komm, sagste erstmal nichts, dachte ich. Aber es kniff in mir, es tat mir weh. Der Radiobericht handelte von einem Mann, der seine schwangere Frau ermordete.

„Der Typ bringt seine schwangere Frau um. Der ist echt behindert.“ ereiferte sich die Kollegin weiter.

„Er ist nicht behindert, Herrgottnochmal, er ist ein Mörder!“ platzte es aus mir raus. Mein Chef, dessen Tochter eine Behinderung hat, nickte mir zu und formte ein lautloses „Richtig“.

Ist es richtig den Mund aufzumachen, wenn etwas kneift, was in dir einfach nicht richtig erscheint, was sich falsch anfühlt. Oder sollte man einfach die Klappe halten und weiter brav mit dem Strom schwimmen? Diese Frage habe ich mir die letzten Tage oft gestellt! Auslöser war die Prosieben Sendung „Applaus oder raus“ die mit dem hashtag „Gast oder Spast“ warb. Prosieben warb damit auf seiner Hompage, es gab einen Twitteraccount, der diesen hashtag als Namen trug. Ich gucke schon seit einer Ewigkeit keine privaten Sender mehr, der hashtag wurde mir in die Timeline gespühlt. Ich schaute mir den Account an und aus erstem Impuls schrieb ich meinen Tweet, wie behindertenfeindlich Prosieben mit diesem Titel, Namen oder hashtag agiert.

#Gast oder Spast? Die Message ist easy: Bist du Gast, darfst du bleiben. Findet der Moderator dich scheiße, musst du gehen und bist ein Spast!

Für mich gab es da kein Wenn oder Aber, der hashtag ist behindertenfeindlich. Die Begründung ist simple: Mein wundervoller Sohn, 10, wurde mit einer rechtsseitigen Spastik geboren. Mein kluger, humorvoller und vielseitig talentierter Sohn ist, wie man es also plump sagen würde, Spast oder Spastiker.

Mein Tweet ging binnen einiger Stunden viral. Prosieben reagierte nicht. Erst nach Stunden, als die Empörungswelle größer wurde, kamen erste Antworten via blocken. Später kamen sehr flappsige und uneinsichtige Antworten und das Angebot des Sendungstwitteraccount, ich könne doch in die Sendung kommen, um ein Gespräch zu führen. Ich bestand auf ein erstes Gespräch via Direktnachricht. In diesen Dms wurde mir erklärt, dass ich doch als Autorin (Hä?) künstlerische Freiheit verstehen müsse und man könne sich ja nicht zensieren. Und überhaupt, wie könne ich es mir anmaßen, einen Fernsehsender behindertenfeindlich zu nennen? Ich beschrieb meine Position als Mutter eines betroffenen Kindes und bekam dann die Erklärung, dass ich ja wohl mit einem Kind mit Behinderung und als Alleinerziehende sonst keine Probleme hätte, wenn ich diesen hashtag als Problem sehen würde.

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Das empfinde ich als unfassbar frech und gemein. Wie können sich fremde Menschen anmaßen, zu bestimmen, was für eine Person ein Problem darstellt? Wie können fremde Menschen beurteilen, wie es sich für einen Menschen mit Behinderung anfühlt, so herabgewürdigt zu werden? Und vorallem, woher wissen Menschen ohne Behinderung wie sich das Leben mit einer Behinderung gestaltet?

Durch die sehr abschätzige Art mich als nervige Alte mit der Absicht Aufmerksamkeit zu bekommen und Scheinheiligkeit im Gepäck darzustellen, hat Prosieben‘s Twitteraccount es geschafft mich mit gemeinen Antworten fremder Twitteruser zu „bestrafen“ dafür dass ich für mein Kind den Mund aufmachte.

Hast du nichts besseres zu tun? Kümmere dich um deinen Krüppel. So ne Alte kämpft für ihren verkrüppelten Sohn. Da wird sich künstlich aufgeregt, wegen einem Wort. Spast beiseite, Bitch sagt man nicht. Seit wann dürfen nur Betroffene reden? Humor darf man nichts vorschreiben. Bist du behindert? Davon wird mein behinderter Bruder auch nicht normal. Spast sagt doch jeder.

Binnen kurzer Zeit hatte ich nicht nur Trolle am Hals, die mich und mein Kind bedrohten und beleidigten, unser Privatleben durchforsteten, meinen kompletten Namen auf Twitter posteten, sondern auch noch Twitterer, die sich (ich mutmaße mal) um ihre Aufmerksamkeit bertrogen fühlten und meinten sich als moralische Instanz aufzuspielen zu müssen (obwohl sie selbst nicht betroffen sind).

Der eigentliche Sinn meines tweets ging unter. Komplett.

Das Wort „Spast“ ist dem Kontext der Sendung ist behindertenfeindlich. Der hashtag wurde bewusst gewählt, um Krawall zu provozieren, um eine Gruppe unserer Gesellschaft vorzuführen.

Es ist auch keine künstlerische Freiheit oder Humor, da der Moderator nicht mit den Betroffenen, also Spastikern lacht und Witze macht, sondern über sie. Für dieses Verhalten gibt es keine Rechtfertigung. Auch persönliche Meinungsäußerungen dürfen nur soweit gehen, wie die Freiheiten anderer nicht eingeschränkt werden.

In unserem Grundgesetz steht die Menschenwürde an erster Stelle, das Recht auf freie Meinung kommt bewußt erst viel später als fünfter Punkt!

Darf man entscheiden wie sich andere Menschen zu fühlen haben, obwohl man selbst nicht betroffen ist?

Ich finde nicht.

Darf man anderen Menschen vorschreiben, wann man sich sich beleidigt fühlen und wann sie über etwas lachen sollten?

Nein.

Sollte ich den Mund aufmachen, wenn etwas ungerecht und beleidigend ist?

Ja. Denn in unserer heutigen Gesellschaft, ist es wichtig und richtig, nicht daneben zu stehen und sich ohne Arsch in der Hose in der blassen Masse zu verstecken!

Ob ich meinen tweet wieder so gepostet hätte, wenn ich gewußt hätte, wie alles kommt?

Definitiv ja. Es hat gezeigt, wieviel noch falsch läuft. Wieviele Alltagsdiskrimminierung als vollkommen normal empfinden, weil sie ihn nämlich selbst ausführen ohne es zu merken. Wieviele parken auf Behindertenparkplätzen oder setzen sich im Bus auf die Sitze für Gehbehinderte? Benutzen „Bist du behindert?“ oder „Der ist behindert!“ als Beleidigung, und und und…

Ein paar Tage später, im Büro, kam ein anderer Kollege auf mich zu. „Sandra, seitdem du das mal gesagt hast, dass man das nicht sagt, na das mit dem behindert. Seitdem ist mir erst mal aufgefallen, wie oft ich das benutze. Obwohl es falsch ist. Sehr. Dein Sohn (er lernte ihn kennen als wir gemeinsam das Büro besuchten) ist so toll und hat nichts mit Idioten zu tun. Es tut mir leid.“

Es sind diese kleinen Schritte. Immer. Das habe ich in den zehn Jahren lernen müssen. Drei Schritte vor, zwei zurück. Aber ich hab auch gelernt, dass kämpfen sich lohnt. Es lohnt sich auch für kleine Schritte.

Auch bei uns. In unseren Familien. Auf dem Schulhof. In unserer Gesellschaft.

(PS: Eine wirkliche Entschuldigung gab es bis heute weder von Prosieben noch vom Moderator/Comedian. Auch keine Einsicht. Der Account wurde umbenannt und der hashtag wird nicht mehr benutzt.)

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