safe and sound

Sie pflegen doch ihr Kind. Sie haben es doch schon so schwer. Das ist doch wie ein Job. Was machen Sie wenn ihr Kind krank ist, so ganz ohne Kindsvater, der sich mitkümmert? Was ist mit den Ferien? Können Sie ihr Kind nicht irgendwo unterbringen? Wo ist die Familie? Es tut uns so leid. Wir können nicht für Sie viel tun. Nutzen Sie doch die Zeit wenn ihr Kind in der Schule ist und denken Sie mal an sich! Sie leisten doch schon so viel. Pflege ist harte Arbeit. Sicher, dass Sie arbeiten können, wo Sie doch ein behindertes Kind haben? Wie geht es in der Zukunft weiter? Wird ihr Kind immer behindert bleiben? Aber Sie haben doch schon einen Job, Sie sind Mutter und pflegen Ihr Kind.

Es war ein Aprilvormittag, warm und schön. Die Sonne wärmte und ich hatte ein Kleid an. Ich saß auf der Bank vor dem Jobcenter, weil ich müde war. Ich hatte mich mit dem mir liebsten Menschen gestritten. Mein Kind hatte mich die Nacht geweckt. Mehrmals. Allles war irgendwie leer in mir. Kein Wille. Keine Kraft. Ich fühlte mich ausgelaugt. Ich war nicht mehr ich. Ich hatte Angst. Und ich schämte mich, weil ich nichts hinbekam. Ich hatte noch ein paar Minuten. Ein paar Minuten zum weiternachdenken, was ich alles falsch machte und mache. Doch ich kam zu keiner wirklichen Antwort. Ich ging zu dem Büro meines Beraters. er war so alt wie ich und nett. Sind sie meistens, wenn sie meine Geschichte kennen. Nett und sie haben diesen mitleidigen Blick. Ich kenne diesen Blick seit Jahren und ich hasse ihn. Ich sehe ihn oft, wenn ich irgendwo etwas abhole oder beantrage, was mit meinem Kind zu tun hat. Oder wenn ich mit meinem Kind unterwegs bin. Ich hasse diesen Blick. Er hilft nicht. Er bringt mir nur, dass ich mich noch schlechter fühle. Mein Berater begrüßt mich. Ich fange an zu weinen. Ich kann es nicht stoppen. Mir geht es schlecht. Ich presse es hervor. Ich kann einfach nicht mehr. Es tut ihm leid. Er weiß selbst nicht, wie er am besten helfen könnte. Es ist ein ehrliches Gespräch. Es muss ehrlich sein, nur so findet man eine Lösung. Ich soll zu ein oder zwei Kurstagen gehen. Viel Hoffnung habe ich nicht. Ich muss nicht hin, es würde mir kein Geld abgezogen oder so, weil es sowieso aussichtslos ist. Den übernächsten Tag sitze ich im Zug, etwas ausserhalb ist die Schulung. Eine Schulung bei der ich als Einzige auftauche. Ich, die freiwillig da ist, während alle anderen Teilnehmer, die kommen sollen, einfach nicht erscheinen. Ich führe wieder ein Gespräch. Mit einer Frau. Sie hat eine Idee, kennt einen Betrieb. Kennt den Chef. Dieser Chef hat eine kleine Tochter, die eine Behinderung hat. Ich seufze. Ich packe alle Infos zusammen. Morgen soll ich hinkommen. Wieder am nächsten Tag soll ich erst zu einer Beraterin im Betrieb. Das Gespräch läuft mau. Ich höre die gleichen Sätze wie die ganzen letzten Monate. Ich seufze. Ich hake ab. Dann kommt die Personalchefin. Sie kenne sich gut mit Frauenrechten aus. Ich nicke. Ich seufze innerlich. Sie guckt mich an und sagt „Sie wollen was arbeiten, oder?“ Ich nicke. „Ich hab eine Idee!“ Sie nimmt mich mit zu meinem jetzigen Chef. Wir reden. Wir verstehen uns. Ich kann einen Probetag machen. Den mache ich. Ich kann ab Mai anfangen. Befristet. Für wenig Geld. Es ist keine Ideallösung. Aber ein Anfang.

Nach drei Wochen im Büro fühle ich mich oft geschafft. Ich lerne viel. Ich fühle mich körperlich und geistig extrem ausgelastet. Ich muss viel von meinem Kind verlangen. Viel mehr Selbstständigkeit. Er muss mithelfen und mitdenken. Und es tut ihm gut. Er fühlt sich gebraucht, so wie ich mich endlich gebraucht fühle. Die Pflege meines Kindes ist ein undankbarer Job. Vieles wird nicht gesehen. Niemand sieht, wie oft man nachts aufsteht. Niemand sieht, dass ich vor sechs Uhr morgens aufstehe um schon alles vorzubereiten. Niemand sieht, dass ich mein Kind komplett fertigmachen und anziehen muss vor der Schule. Niemand sieht, dass ich mein Kind aus und in der/die Badewanne hebe. Ihm helfen muss auf Toilette zu gehen. Niemand spürt den täglichen Kampf mit dem selektiven Mutismus. Die Pflege meines Kindes ist ein undankbarer und vorallem unsichtbarer Job und in den letzten Wochen musste ich spüren, dass ich erst als „working mum“ mit richtigem Job wertgeschätzt wurde.

Es ist ein Sonntag. Pfingstsonntag. Es regnet draußen. Das Kind guckt seine Lieblingsserie. Ich fühle mich müde und ausgelaugt. Aber anders ausgelaugt. Ein bißchen freue ich mich auf Dienstag. Darauf wieder zu arbeiten. Es hat sich viel verändert. Draußen. Innerlich. Nicht alles. Das ist noch ein langer Weg. Aber es sind immer die kleinen Schritte, die sicher sind. Niemals die zu schnellen und großen. Es ist noch ein langer Weg, aber im besten Fall habe ich noch viele Jahre um meinen Weg in meinem Tempo zu gehen. Safe and Sound.

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