Kartons.

Kartons. Ich falte sie auf. Ich falte sie zusammen. Ordentlich, so wie es auf ihnen beschrieben steht. Alles passt irgendwie rein. Egal wie groß, egal wie sperrig. Ein bisschen wie unser Leben hier.

Die letzten fünf Jahre waren auch irgendwie, irgendwie groß, irgendwie sperrig.

Als ich damals mit meinem Sohn ins Frauenhaus ging, hatte ich das Gefühl ich könnte nicht atmen obwohl ich frei war. So fühle ich mich heute auch, nur mit der Gewissheit, dass ich bald atmen kann.

Es ist der Staub des alten Lebens, ein paar Erinnerungen, die es etwas schwer machen. Ich falte sie auf, wische sie ab. Sauber, so dass man sie guten Gewissens verpacken uns verlassen kann.

Nur so funktioniert das mit dem Neuanfang. Sauber machen – einpacken – verpacken.

 

Berlin Berlin #2 – Ungefähr

Ungefähr 48 Stunden bis wir zurück nach Berlin fahren.

Ungefähr eine Woche steht unser Koffer schon hier in der Wohnung herum.

Ungefähr ein halbes Jahr ist es her, dass ich das letzte Mal (alleine) am Hauptbahnhof ausstieg.

Ungefähr zwei Jahre planen wir schon unseren Umzug.

Ungefähr hunderte Herzschläge fühlen sich nach „Ich will nicht mehr warten“ und „Wartest du auf mich?“ an.

Ungefähr tausend Tränen hab ich runtergeschluckt und genauso viele rausgelassen, weil ich sie doch nicht aufhalten konnte.

Ungefähr trillionen Mal hatte ich Angst, wollte aufgeben und genauso oft war ich mutig.

Ungefähr ein Leben lang hatte ich das Gefühl nie anzukommen.

Aber gar nicht ungefähr, sondern genau richtig fühlt es sich richtig an.

 

Stark. 

Dienstags oder mittwochs hole ich immer eine neue Kiste Wasser. Ich trage sie raus, vorbei an Menschen und Häusern, ein paar Meter zu unserem Hauseingang. Sie ist schwer und ich bin noch zusätzlich voll bepackt mit meiner Tasche und unserem Abendbrot. 

Diesen Dienstag oder Mittwoch stand eine Gruppe muskulöser Männer vor dem Getränkemarkt und als ich mit meiner Kiste vorbei ging, murmelte einer „Wow, die Frau hat Power.“, worauf ein anderer leise antwortete „Schon stark.“ 

Ich fühlte mich geschmeichelt, dachte aber sekundenkurz danach „Warum helft ihr mir nicht einfach mal?“

Du bist so stark. Du schaffst alles einfach so. Du hast Power. 

Ich höre oder lese das so oft und denke immer nur, ich wünschte jemand würde mir einfach nur mal helfen. Nix Großes. Nur vielleicht mal da sein, schnell die Wäsche bügeln, Mittag kochen, den Schulranzen packen. Klar schaffe ich alles, aber ich hab keine endlose Stärke, tatsächlich bleibt vieles liegen und ich falle oft schon gegen 21 Uhr totmüde ins Bett. 

Ich bin auch keine Superheldin oder Supermutter. Ich hab oft keine Lust mehr mir das zehnte Bild anzuschauen oder ein Star Wars Lego Raumschiff zu bauen, ich hab auch keine Lust morgens Gesichter in die Gurken vom Schulbrot zu schnitzen. Ich würde auch gern mal wieder einfach eine Nacht durch tanzen oder einen Film im Kino gucken, der nicht jugendfrei ist. Oder ausschlafen. Oh ja, nur schlafen. 

Das denke ich oft. Nicht immer. Und ich fühle es oft. Weil ich halt neben der alleinerziehenden Mutter auch ein Mensch, eine Frau bin und diese Frau ist keine Superheldin und auch kein Roboter mit lebenslangem Akku. 

Standardeinstellung.

Sagt der auch mal was? Danke oder Bitte wären mal nicht schlecht! Ihr Kind ist aber schlecht erzogen! Sie müssen nicht immer für ihr Kind reden? Na wenn du nicht antwortest, bekommst du keine Süßigkeit.

Rückblick. Vor ein paar Jahren stehe ich mit meinem Sohn an der Kasse eines Drogeriemarktes, die Kassiererin bot meinem Sohn einen Traubenzucker an. Mein Sohn schaute weg, was bei selektivem Mutismus oft vorkommt. Er möchte den Traubenzucker, aber er kann nicht antworten. Die Kassiererin wird ungeduldig und zieht ihr Traubenzucker mit den Worten „Na wenn du nicht antwortest, gibt es auch nix!“ zurück. Ich war sauer, sehr, und konnte auch nicht wirklich darauf antworten. Ich schnappte mein Kind und ging. Wenn ich die Geschichte im Nachhinein jemandem erzählte, bekam ich oft als Antwort „Naja, sie wußte es ja nicht besser. Du musst Verständnis haben und es ihr erklären!“

Ich muss Verständnis haben. Ich muss es erklären. Oke.

Nö, dachte ich. Warum muss ich wildfremden Menschen alles erklären und dazu noch meine Lebensgeschichte an öffentlichen Orten erzählen, um Verständnis zu bekommen? Und warum muss mein Kind eigentlich immer perfekt funktionieren, nur weil es das gesellschaftliche Umfeld erwartet?

Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht allen Menschen, nur damit sie verstehen, die Geschichte meines Kindes oder mir erzählen. Ich möchte mich nicht an der Supermarktkasse hinstellen und die Krankenakte meines Sohnes zitieren, nur damit sich andere Menschen positiver benehmen und mein Kind nicht als schlecht erzogen darstellen, weil er nicht bitte oder danke sagen kann. Ich möchte fremden Menschen nicht erklären müssen, dass Kommunikation nicht nur verbal stattfindet.

Und überhaupt, ich hätte auch gern für so vieles Verständnis. Zum Beispiel, dass es mich nervt wenn Menschen glotzen oder wenn sie mich im Bus einfach über meinen Sohn hinweg über ihn ausfragen, dass Menschen sich ungefragt zB in die Erziehung einmischen, weil ich mit meinem „armen behinderten Kind“ ja nicht streng sein sollte. Dass man uns nicht angafft oder nachglotzt, und und und….

Eine ganze Zeit lang versuchte ich vieles zu ignorieren, was leider nicht immer hilft. Manchmal, auch wenn ich mich unbeliebt mache, muss ich mich auch mit fester und lauter Stimme gegen Menschen durchsetzen, vorallem wenn es um die Gesundheit meines Sohnes geht (zb die störrische ältere Frau, die partout nicht vom Geländer der Treppe der Ubahnstation weggehen wollte und mein Kind fast wegschubste).

Irgendwann fängt man auch auch an, an sich selbst zu zweifeln. Soll ich immer was sagen? Soll ich netter reagieren? Soll ich lauter werden? Muss ich immer kämpfen? Ich habe oft an mir gezweifelt und viel gegrübelt. Aber heute glaube ich, die beste Lösung gegen Unverständnis und Sturrheit anderer Leute, ist tatsächlich Humor.

wp-1479983358634.jpeg

In den letzten Jahren, und vorallem auf twitter, hat es mir sehr geholfen, die Behinderungen meines Sohnes humorvoll zu betrachten. Vorallem aber auch, weil ich dieses sich selbst immer als Opfer darstellen auch bei anderen als unfassbar unattraktiv empfinde. Ich will nicht immer jammern und ich will mir nicht dauernd Menschen antun, die mir etwas vorjammern. Jammern ist ok und auch mal wichtig, aber nicht als Standardeinstellung.

Die meisten Menschen sind erstmal perplex, wenn man ihnen einen lockeren und liebevoll lustigen Spruch entgegen wirft. Einige fangen den Ball auf, andere verpassen den Wurf. Das ist ok. Man wird es nie allen recht machen können, aber am Ende geht es eben auch um das Gefühl, was man selbst hat. Geh ich mit Wut nach Hause, oder eben mit einem Lächeln?

Den Traubenzucker kauft sich mein Sohn heute mit zehn Jahren selbst, ohne was zu sagen, aber mit einem Grinsen im Gesicht, weil er das Geld für die Bonbons mit Centstücken genau abgezählt hat.

Großartig.

Alleinerziehende leisten Großartiges.

Sechs Uhr früh. Mein Wecker klingelt. Laut. Ich dreh mich um, dann steh ich auf. Stelle Kaffee an. Die Maschine gurgelt leise durch die Wohnung. Ich stelle zwei Schüsseln hin. Einmal Cornflakes, einmal Haferbrei. Ich wecke meinen Sohn. Verschlafen niedlich, wie ein kleiner Kobold steht er auf. Wir frühstücken. Nicht zu viel reden. Wir machen uns fertig. Ich helfe meinem Sohn in seine Jacke. Ziehe ihm die Schnürsenkel an den Schuhen genauso fest , wie er es mag.Wir gehen raus. Reden noch ein bisschen. Der Schulbus kommt. Tschüss mein Schatz. Schule. Büro. In der Mittagspause esse ich etwas schneller, und kaufe schon mal ein bisschen ein. Mails beantworten. Verkaufstexte schreiben. Mit Kollegen reden. Ein Kaffee. Vielleicht noch ein zweiter. Irgendwann nachmittags gehe ich nach Hause, mit Musik auf dem Ohr. Take That vielleicht. Oder die Bangles. Einmal Nickelback. Das Gefühl wieder kurz auf dem Konzert zu sein. Vermissen. Whatsapp Nachricht schreiben. Lieber doch bisschen Achtziger hören. Ich bin zu Hause. Briefkasten checken. Schnell die Wohnung lüften. Wieder raus, das Kind kommt nach Hause. Quatschen. Wie war dein Tag? Kuscheln. Den nächsten Tag vorbereiten. Vielleicht noch ein paar mails beantworten. Irgendwas auf Kika gucken. Duschen. Oder doch baden? Das Klassengeld mitgeben. Oder hatte ich es schon letztens mitgegeben? Abendbrot. Dem Kind aus dem neuen Buch von Cornelia Funke vorlesen. Seine neuesten Gemälde bewundern. Kurz durchschnaufen. Tee kochen. Dem Kind das Glas Wasser für die Nacht auf seinen Nachtschrank stellen und ihm Gute Nacht sagen. Ich hab vergessen seine Sachen für morgen raus zu legen. Ach, egal. Was zieh ich morgen an? Lese ich noch was oder schaue ich Gilmore Girls auf Netflix? Kurz nach neun. Es ist dunkel. Ich bin müde. Die Heizung gluckert. „Alleinerziehende leisten Großartiges.“ Naja, denke ich und mache das Licht aus. Endlich schlafen. In acht oder neun Stunden klingelt der Wecker wieder. Großartig.

Bist du behindert, du Spast?

Ich weiß noch wie ich im neuen Büro anfing und eine Kollegin plötzlich „Der ist so behindert!“ Richtung Radio sagte.

Ach komm, sagste erstmal nichts, dachte ich. Aber es kniff in mir, es tat mir weh. Der Radiobericht handelte von einem Mann, der seine schwangere Frau ermordete.

„Der Typ bringt seine schwangere Frau um. Der ist echt behindert.“ ereiferte sich die Kollegin weiter.

„Er ist nicht behindert, Herrgottnochmal, er ist ein Mörder!“ platzte es aus mir raus. Mein Chef, dessen Tochter eine Behinderung hat, nickte mir zu und formte ein lautloses „Richtig“.

Ist es richtig den Mund aufzumachen, wenn etwas kneift, was in dir einfach nicht richtig erscheint, was sich falsch anfühlt. Oder sollte man einfach die Klappe halten und weiter brav mit dem Strom schwimmen? Diese Frage habe ich mir die letzten Tage oft gestellt! Auslöser war die Prosieben Sendung „Applaus oder raus“ die mit dem hashtag „Gast oder Spast“ warb. Prosieben warb damit auf seiner Hompage, es gab einen Twitteraccount, der diesen hashtag als Namen trug. Ich gucke schon seit einer Ewigkeit keine privaten Sender mehr, der hashtag wurde mir in die Timeline gespühlt. Ich schaute mir den Account an und aus erstem Impuls schrieb ich meinen Tweet, wie behindertenfeindlich Prosieben mit diesem Titel, Namen oder hashtag agiert.

#Gast oder Spast? Die Message ist easy: Bist du Gast, darfst du bleiben. Findet der Moderator dich scheiße, musst du gehen und bist ein Spast!

Für mich gab es da kein Wenn oder Aber, der hashtag ist behindertenfeindlich. Die Begründung ist simple: Mein wundervoller Sohn, 10, wurde mit einer rechtsseitigen Spastik geboren. Mein kluger, humorvoller und vielseitig talentierter Sohn ist, wie man es also plump sagen würde, Spast oder Spastiker.

Mein Tweet ging binnen einiger Stunden viral. Prosieben reagierte nicht. Erst nach Stunden, als die Empörungswelle größer wurde, kamen erste Antworten via blocken. Später kamen sehr flappsige und uneinsichtige Antworten und das Angebot des Sendungstwitteraccount, ich könne doch in die Sendung kommen, um ein Gespräch zu führen. Ich bestand auf ein erstes Gespräch via Direktnachricht. In diesen Dms wurde mir erklärt, dass ich doch als Autorin (Hä?) künstlerische Freiheit verstehen müsse und man könne sich ja nicht zensieren. Und überhaupt, wie könne ich es mir anmaßen, einen Fernsehsender behindertenfeindlich zu nennen? Ich beschrieb meine Position als Mutter eines betroffenen Kindes und bekam dann die Erklärung, dass ich ja wohl mit einem Kind mit Behinderung und als Alleinerziehende sonst keine Probleme hätte, wenn ich diesen hashtag als Problem sehen würde.

screenshot_2016-10-28-22-38-551

Das empfinde ich als unfassbar frech und gemein. Wie können sich fremde Menschen anmaßen, zu bestimmen, was für eine Person ein Problem darstellt? Wie können fremde Menschen beurteilen, wie es sich für einen Menschen mit Behinderung anfühlt, so herabgewürdigt zu werden? Und vorallem, woher wissen Menschen ohne Behinderung wie sich das Leben mit einer Behinderung gestaltet?

Durch die sehr abschätzige Art mich als nervige Alte mit der Absicht Aufmerksamkeit zu bekommen und Scheinheiligkeit im Gepäck darzustellen, hat Prosieben‘s Twitteraccount es geschafft mich mit gemeinen Antworten fremder Twitteruser zu „bestrafen“ dafür dass ich für mein Kind den Mund aufmachte.

Hast du nichts besseres zu tun? Kümmere dich um deinen Krüppel. So ne Alte kämpft für ihren verkrüppelten Sohn. Da wird sich künstlich aufgeregt, wegen einem Wort. Spast beiseite, Bitch sagt man nicht. Seit wann dürfen nur Betroffene reden? Humor darf man nichts vorschreiben. Bist du behindert? Davon wird mein behinderter Bruder auch nicht normal. Spast sagt doch jeder.

Binnen kurzer Zeit hatte ich nicht nur Trolle am Hals, die mich und mein Kind bedrohten und beleidigten, unser Privatleben durchforsteten, meinen kompletten Namen auf Twitter posteten, sondern auch noch Twitterer, die sich (ich mutmaße mal) um ihre Aufmerksamkeit bertrogen fühlten und meinten sich als moralische Instanz aufzuspielen zu müssen (obwohl sie selbst nicht betroffen sind).

Der eigentliche Sinn meines tweets ging unter. Komplett.

Das Wort „Spast“ ist dem Kontext der Sendung ist behindertenfeindlich. Der hashtag wurde bewusst gewählt, um Krawall zu provozieren, um eine Gruppe unserer Gesellschaft vorzuführen.

Es ist auch keine künstlerische Freiheit oder Humor, da der Moderator nicht mit den Betroffenen, also Spastikern lacht und Witze macht, sondern über sie. Für dieses Verhalten gibt es keine Rechtfertigung. Auch persönliche Meinungsäußerungen dürfen nur soweit gehen, wie die Freiheiten anderer nicht eingeschränkt werden.

In unserem Grundgesetz steht die Menschenwürde an erster Stelle, das Recht auf freie Meinung kommt bewußt erst viel später als fünfter Punkt!

Darf man entscheiden wie sich andere Menschen zu fühlen haben, obwohl man selbst nicht betroffen ist?

Ich finde nicht.

Darf man anderen Menschen vorschreiben, wann man sich sich beleidigt fühlen und wann sie über etwas lachen sollten?

Nein.

Sollte ich den Mund aufmachen, wenn etwas ungerecht und beleidigend ist?

Ja. Denn in unserer heutigen Gesellschaft, ist es wichtig und richtig, nicht daneben zu stehen und sich ohne Arsch in der Hose in der blassen Masse zu verstecken!

Ob ich meinen tweet wieder so gepostet hätte, wenn ich gewußt hätte, wie alles kommt?

Definitiv ja. Es hat gezeigt, wieviel noch falsch läuft. Wieviele Alltagsdiskrimminierung als vollkommen normal empfinden, weil sie ihn nämlich selbst ausführen ohne es zu merken. Wieviele parken auf Behindertenparkplätzen oder setzen sich im Bus auf die Sitze für Gehbehinderte? Benutzen „Bist du behindert?“ oder „Der ist behindert!“ als Beleidigung, und und und…

Ein paar Tage später, im Büro, kam ein anderer Kollege auf mich zu. „Sandra, seitdem du das mal gesagt hast, dass man das nicht sagt, na das mit dem behindert. Seitdem ist mir erst mal aufgefallen, wie oft ich das benutze. Obwohl es falsch ist. Sehr. Dein Sohn (er lernte ihn kennen als wir gemeinsam das Büro besuchten) ist so toll und hat nichts mit Idioten zu tun. Es tut mir leid.“

Es sind diese kleinen Schritte. Immer. Das habe ich in den zehn Jahren lernen müssen. Drei Schritte vor, zwei zurück. Aber ich hab auch gelernt, dass kämpfen sich lohnt. Es lohnt sich auch für kleine Schritte.

Auch bei uns. In unseren Familien. Auf dem Schulhof. In unserer Gesellschaft.

(PS: Eine wirkliche Entschuldigung gab es bis heute weder von Prosieben noch vom Moderator/Comedian. Auch keine Einsicht. Der Account wurde umbenannt und der hashtag wird nicht mehr benutzt.)

Berlin, Berlin #1

img_20161020_214712_processed

Seit den Sommerferien ist vielleicht in Sachen Umzug noch nicht total viel passiert, aber einiges. Meine erste Handlung war erstmal die wichtigsten Punkte zu ordnen, quasi die Säulen des Umzugs.

  • Die Schule für meinen Sohn bzw wie kann er in Berlin zur Schule gehen?
  • Welche Stadtteile kommen für uns in Frage, inkl. Wohnungssuche?
  • Wie regeln wir den Umzug an sich?
  • Wo kann ich mich schon jetzt um einen Job bewerben?

Also hab ich das getan, was ich am besten kann: ich bin allen Stellen, die Menschen mit Behinderungen und alle Ämter wie zB Schulamt per email auf die Nerven gegangen. Ich habe alle angeschrieben, um Möglichkeiten der Hilfe, Tipps und Informationen gebeten. Tatsächlich bekam ich von allen Stellen recht schnell Antworten. Einige waren richtig toll, andere sehr förmlich und nicht wirklich hilfreich.

Besonders engagiert waren die Sachbearbeiter des Schulamtes, von denen hatte mich sogar ein lieber Herr angerufen und mich ein wenig über die Möglichkeiten für meinen Sohn informiert, inklusive ein paar super Kontakte.

Die Jobcenter hier wie auch in Berlin sind leider etwas mau was das Helfen angeht. Irgendwie werde ich nur zwischen Marburg und Berlin hin und her verwiesen und im Nachhinein denke ich, es ist der beste Weg sich mal darauf einzustellen den Umzug ohne sie zu wuppen. Aber da werde ich mich wohl noch mal vorstellen.

Ich denke, es schadet nie auf nette Art alle Stellen abzuklappern, wichtig ist einfach wie man es macht. Grundsätzlich wollen alle erst einmal helfen. Ich bin von keiner Stelle oder einem Amt irgendwie komisch behandelt worden, im Gegenteil.

Besonders begeistert war ich von der Lebenshilfe Berlin, die mir sofort einen Termin gaben als ich wegen Sohnemann’s Klassenfahrt ein paar Tage frei und Zeit in Berlin hatte. Dort wurde ich gleich liebevoll aufgenommen und im Groben versuchen sie mir beim ganzen Papierkram zu helfen, der bei einem Kind mit Behinderung wirklich enorm ist. Wir stehen sehr eng im Kontakt und auch wenn wir dann in Berlin wohnen, werden wir von ihnen im Alltag begleitet (zB Assistenz oder Elterngruppen). Definitiv ist das eine riesige Erleichterung überhaupt zu wissen, dass man jemanden im Rücken hat, der einen ohne Probleme unterstützt.

Einen wunderbare Unterstützung erfahren wir auch über Twitter, Instagram und Co. Hier läuft viel im Hintergrund. Menschen bieten an mit nach Wohnungen zu schauen oder freien Stellen. Ich bekomme viele Tipps und Angebote zur Unterstützung für den Umzug etc. Manchmal ist es schon zuviel und ich bin leider nicht immer so stressresistent. Das bedeutet, zu viele Nachrichten machen mir Druck, dass ich immer antworten und da sein muss, was mich sehr schnell ermüden lässt. Also bitte nicht wundern, wenn ich nicht immer gleich da bin oder etwas Auszeit brauche. Ich lese alles, ich sehe alles.

Was natürlich am meisten wiegt ist unsere persönlich private Unterstützung, vor allem aus unserem Berliner Freundeskreis. Manchmal muss ich mich schon kneifen, dass ihr (noch) da seid! 

Mutter, kein Personal.

Vor einigen Wochen hatte ich eine, sagen wir, hitzige Diskussion auf Twitter, die ich hier zwar als Einstieg benutzen möchte, aber hier nicht zu einer Diskussion führen soll.

Im Grunde wurde mir am Ende der Diskussion mitgeteilt, dass ich als Mutter eines Kindes mit Behinderung vorallem, wenn er erwachsen ist, kein Recht mehr hätte mitzureden. Von Menschen, die selbst eine Behinderung haben.

Ich habe mir bewußt Zeit gelassen, mir Gedanken zu dem Thema zu machen. Aber nicht zu der Diskussion an sich, vorallem weil ich sie als sehr einseitig und übergriffig empfand, sondern zu meiner Stellung als pflegende Mutter.

Ich fühlte mich am Ende als wäre ich nur eine Angestellte meines Kindes. Ich pflege ihn bis er achtzehn ist und dann pötzlich habe ich nichts mehr zu sagen? Diese Vorstellung gefällt mir nicht, und so erziehe ich auch nicht mein Kind.

Und da ist der nächste Punkt: Ich erziehe in erster Linie mein Kind bzw wir leben zusammen als kleine Familie, als Team. Die Pflege ist ein großer Teil unseres Alltag, aber die Behinderung und ihre Pflege sollte nie unseren Alltag bestimmen. Das war mir vorallem nach dem Ende meiner Ehe bewußt geworden. Wir wollen leben. Ich will nicht, dass unser ganzes Leben ein Kampf wird. Dass ich verbittert abends da sitze und nur noch darüber nachdenke, gegen wen ich jetzt wieder in den Krieg ziehen muss.

Blicke ich zurück, kann ich meinen „Werdegang als pflegende Mutter“ so beschreiben:

Mein Kind kam vor knapp zehn Jahren sehr krank per Kaiserschnitt auf die Welt. Ich sah ihn genau zwei Minuten, bevor er in die nächste große Klinik ca. eine halbe Stunde entfernt gebracht wurde. Danach sah ich meinen Sohn mehrere Tage nicht. Ich habe viel geweint, das tue ich heute noch, blöde Angewohnheit. Ich hatte große Angst, dass er es nicht schafft, dass es mir mein Herz zerreißen würde und dass unsere Bindung nie so stark sein würde, da wir die ersten Tage zusammen verpassten. Nach vier Tagen durfte ich zu ihm, kurz. Wochenlang saß ich neben ihm und guckte ihm zu, wie er an Schläuchen und Geräten angeschlossen war. Er trank meine Milch, die ich abbpumpte. Stillen klappte gar nicht. Erst Kaiserschnitt, dann kein Stillen. Als Mutter hatte ich den leichtesten Weg abbekommen, wie mir immer wieder unterschwellig von einigen Seiten mitgeteilt wurde.

Irgendwann kam mein Kind nach Hause.

Therapien, Medikamente, Angst vor epileptischen Anfällen, Klinikbesuche, MRT, Operationen an Kopf und Hüfte, schlaflose Nächte, einen Ehemann, der nur arbeitete oder weg war oder eben irgendwann das Trinken anfing.

Ich hatte keine Pause. Nie. Jahrelang. Noch heute habe ich Phasen, in denen es mir schlecht geht. Ich weine viel. Fühle mich allein und ich will auch allein gelassen werden. Zehn Jahre habe ich mein Leben meinem Kind gewidmet und mir ist bewußt, dass es auch noch minimum teilweise so sein wird, bis er eben erwachsen ist und seinen Weg geht. Es ist meine Geschichte, die Geschichte meines Kindes. Und ja, es ist übergriffig und gemein, wenn mir Menschen, fremde Menschen, erklären wollen, wie ich mich als Mutter, als pflegende Mutter, zu fühlen oder zu handeln habe. Und es ist genauso gemein und übergriffig, meinem Kind aufzuzwingen, wie er als „Behinderter“ mit seiner Behinderung und mit mir umzugehen hat.

Ich bin kein Personal, dass irgendwann entlassen wird. Ich bin die Mutter meines Kindes und er wird immer mein Kind sein.

Kein Konfetti

 

Keine Musik, kein Konfetti.
Keine Stimme, kein Wort.
Es wäre alles so einfach.
Wir betrügen unsere besten Jahre.

Keine Musik, kein Konfetti.
Wir suchen.
Irgendwo, irgendwie, irgendwas.
Verlieren uns.

Keine Musik, kein Konfetti.
Was denkst du? Was fühlst du?
Wer bist du? Was liebst du?
Wen?

Keine Musik, kein Konfetti.
In dieser Welt.
Keine Musik. Kein Konfetti.
Wenn wir gehen.

Berlin, Berlin

 

‚Da, wo das Herz zuhause ist…‘ so ähnlich klingen doch diese ganzen klugen Sätze über Fernweh und Sehnsucht.
Seit drei Tagen sind wir wieder zuhause. Zuhause fühlt sich aber schon seit einiger Zeit nicht mehr wirklich wir ein Zuhause an. Eher wie ein abwarten, vermissen, Sehnsucht. Sehnsucht zurück nach Berlin.
Schon seit einigen Monaten haben das Kind und ich uns mit dem Gedanken rumgeschlagen nach Berlin zu ziehen. Das alles wirkte aber nicht so einfach. Sorgerecht, Exmann, mal eben 500 km mit einem Kind mit Behinderung umziehen. Doch irgendwie war hier in Marburg einfach kein Weiterkommen. Beruflich für mich, schulisch für das Kind, zwischenmenschlich für uns beide.
Ich mag Marburg, aber Berlin fühlt sich richtig an.
In den drei Wochen Berlinurlaub und mit dem ‚Gewinn‘ des alleinigen Sorgerechts festigte sich unser Entschluß umzuziehen. Wären da nur nicht immer diese Abers. Abers von einigen Seiten:

Wie willst du das schaffen?
Berlin ist so groß, da passiert doch viel!
Bleib doch besser hier, hier ist es ruhig.
Berlin ist soweit weg.
Das wird bestimmt nicht einfach, so umziehen mit deinem Kind und dann 500 km!

Alternativ zu Berlin hätte ich hier in Marburg folgendes:

keine Ferienbetreuung – keine Vollzeitstelle – Armut
keine geeignete Schule bzw mein Kind würde trotz 1,0 Zeugnis nur einen Hauptschulabschluß machen können

So wollen wir nicht leben und genau deswegen wagen wir den Schritt. Nächstes Jahr im August wollen wir umziehen. Wir zählen die Monate, machen Pläne, informieren uns und ich merke, wie sehr mein Kind sich darauf freut.
Vielleicht wird es nochmal ein riesiger Schritt und so wie ich mich kenne, wird die ein oder andere Panikattacke inklusive sein, aber ich weiß es wird sich lohnen. Und vorallem weiß ich, ich kann mich auf mein Kind verlassen, auf uns als Team. Wir können endlich weit weg von all dem, was hier war leben.

Vielleicht nicht frei, aber freier.

 

thegunzlingermum

Herzlich Willkommen in meinem herrlich verrückten Reich der Kuriositäten.

Gedankenstall

irgendwo müssen sie ja wohnen

Mein Monsterherz

und wie es trotz monster weiterschlägt

Vergeudete Stunden

und wie man sie am besten vergeudet...

veganriot

Willkommen bei Vegan Riot! Hier findest du gesunde, vegane und basische Rezepte.

Auf dem Weg durchs Leben

das Muffensausen im Gepäck

Der Komoediant - literarisch, politisch, gesellschaftlich

Gesellschaft, Politik und Allerlei. Meinungsfreudig, persönlich und politisch inkorrekt - meistens jedenfalls.

pagina secunda

literarische.feuilletonistische.gedanken

OP-Tisch-Pilotin

Ein Teenie mit kleinen Extras erzählt...

Wegmarken

Jack Hanson|Worte|Bilder|Melodien|Herz|Blut|Tag|Nacht|0711|030|Alles|Nichts

Frau Gehlhaar

Über das Großstadtleben und das Rollstuhlfahren

schlank mit verstand

gesund abnehmen mit leckeren Rezepten, low carb und Powerfood

Emily's Welt

Leben und reisen mit einem autistischen Kind

stories on paper

Zwei Städte - eine Leidenschaft.

Frau Papa

Sie sind doch der - äh - die ...

libratiblog

Egal in welcher Lebenslage: Es kommt nur auf das richtige Schuhwerk an.

seelenfrisch

Gedanken, Motivationen, Bilder

mummelschnuck

...über das Leben, die Liebe und alles mögliche :-)